Einbruch des Unheimlichen

Einmal ist irgendetwas anders. Irgendwann, irgendwie. Aber das geschieht nicht plötzlich. Es ist, als ob sich in den gewöhnlichen Lauf der Dinge etwas eingeschlichen hätte. Als ob etwas Ungewöhnliches sich ereignen, aufscheinen würde, das nicht gleich zu benennen, erst gar nicht zu erklären wäre. Eine Gestalt steht da, liegt da; sie ist da, trotz des Ungewöhnlichen, als ob das so sein müsste – wie, der Tradition gemäss, in einem Stillleben, wie in einem Intérieur. Und doch irritiert diese Anwesenheit, die starke Präsenz dieser Person, obwohl und gerade weil sie sich nicht aufzudrängen scheint. Sie ist einfach da. Sie hat sich ihrer Umgebung anverwandelt – oder hat sich die Umgebung ihr anverwandelt? Sie steht, als ob sie selbst Teil des Inventars wäre, in einem Trödlerladen; sie verschwindet fast im schneebedeckten Gezweige; sie schlängelt sich im roten Kleid wie die roten Schläuche, die in einem Keller auf dem Boden wirr verschlungen ausgelegt sind; und sie liegt da, unter einem Bett, wie wenn sie die Fortsetzung der Kissenlandschaft wäre.


Die Inszenierung
des Ungewöhnlichen im Gewöhnlichen: Das ist die hohe Kunst der 38-jährigen Künstlerin Chantal Michel. Ihre grundlegende Strategie ist dabei das Mimikry, dieses beinahe lautlose Anpassen an ein von ihr ausgewähltes Ambiente. Sie baut dort eine Art von Diorama auf, eine Sequenz eines Theaterstückes, in dem sie selbst Bühnenbildnerin, Akteurin und, vor allem, Regisseurin ist. Kommt noch mehr hinzu: Die Inszenierung ist die eines bis ins Detail durchdachten und durchkomponierten Bildes. Nie ist etwas dem Zufall überlassen, so unmittelbar die Szenerie erscheint. Die Requisiten stimmen bis ins Detail. Die Figur im Trödlerladen steht als Horizontale genau in der Bildmitte, die beiden ein V bildenden Zweige im Schneewald umspielen die kaum sichtbare weiss gekleidete Figur, die Frau unter dem Bett zeichnet eine Diagonale und die wie eine Nachfahrin von Laokoon in den Schlangen-Schläuchen liegende Frau zeichnet sich derart in die Rundungen und Biegungen der Schläuche ein, dass sie unwillkürlich Teil da von wird. So verbindet Chantal Michel – darin in der Perfektion Cindy Sherman nicht nachstehend – Selbstinszenierung, Performance und fotografische Bildkomposition in einer unverkennbaren, unverwechselbaren Weise – und in einer seit Jahren immer wieder überraschenden Vielfalt von Szenerien: Es ist frappant, wie sie es versteht, situative Konstellationen derart als Dispositiv für ihre Kunst zu entdecken, dass ihr Trödlerladen, Wald, Hotelzimmer oder moderig feuchter Keller gleichermassen ästhetische Rahmenbedingungen für die unterschiedlichsten, atmosphärisch vollkommen verschiedenen Bildwelten werden.


Chantal Michels Fotografien
könnten auch Filmstills sein, stillgesetzte Momente einer Handlung, deren Vor- und Nachher jedoch unbekannt bleiben. Wie ist es dazu gekommen? Was ist geschehen? Die Fotografien öffnen Räume des Fragens – und des Erzählens. Im Rätselcharakter liegt ihr Drehpunkt. Ihre Essenz ist der Knoten einer unbekannten Erzählung. In ihrer sinnlichen Präsenz verbirgt sich eine uneinholbare Absenz. Unversehens verwandeln sich die Szenerien damit in mögliche Tatorte – und die schön durchkomponierte Bilderwelt kippt ins Unheimliche, das umso unheimlicher ist, weil der Tathergang oder die Handlung – von denen man nichts wissen kann, deren Ablauf im Dunkeln bleiben muss – keine Spuren hinterlässt, die weiterführen würden. Was da in Erscheinung tritt, übersteigt selbst den besten detektivischen Scharfsinn. Das ist das Irgendetwas, das Irgendwo, das Irgendwann: die Ungewissheit. Sie resultiert durch den Einbruch des Ungewöhnlichen ins Gewöhnliche – ganz so, wie das in den besten Thrillern von Patricia Highsmith geschieht. Oder in der märchenhaft dunkeln Romantik eines E.T.A. Hoffmann. «Es» könnte jederzeit geschehen, jederzeit die Realität hintergehend. Konrad Tobler